Der Publizist Malte Lehming hat sich vor einigen Wochen im Tagesspiegel positiv über kriminelle Jugendbanden geäußert.
Sie sind jung, mutig, mobil, hungrig, risikobereit, initiativ. Solche Menschen braucht das Land. Natürlich ist es nicht schön, wenn Jugendliche – ob mit türkischem oder libanesischem Hintergrund – in den Straßen von Berlin Banden bilden, Reviere verteidigen und mit Messern hantieren. Aber hinter der Kritik an ihrem Verhalten verbirgt sich oft bloß der Neid derer, die Vitalität als Bedrohung empfinden, weil sich die eigene Mobilität auf den Wechsel vom Einfamilienreihenhaus in die Seniorenresidenz beschränkt. Lieber ein paar junge, ausländische Intensivtäter als ein Heer von alten, intensiv passiven Eingeborenen. Zu Recht beklagen wir die Kriminalität vieler ausländischer Jugendgangs. Aber das Maß an Phantasie, Mut und Vitalität, was deren Mitglieder oft aufbringen, zeigt auch: In diesen Menschen steckt, im Gegensatz zu den mentalen Altersheimern, noch ein Wille, ein Drang. Das sollten wir zu würdigen lernen – und uns fragen, wie wir die positiven Eigenschaften der Jugendlichen trennen können von den negativen Zielen, auf die sie sich richten. Wenn Deutschland nicht einmal mehr Jugendbanden hat, ist alles zu spät.
Lehming steht mit seiner Bereitschaft, problematischen Erscheinungen wie diesen entweder aus Unverständnis oder aus Schwäche etwas Positives abzugewinnen und die damit verbundenen Entwicklungen zum Ausdruck von Fortschritt zu erklären, nicht alleine dar. Seine Worte mögen satirisch überspitzt wirken, aber die dahinter stehende Einstellung ist typisch für eine Gesellschaft, die unfähig geworden scheint, ihre eigene Zukunft im Sinne des Gemeinwohls und der Interessen kommender Generationen zu steuern.
